Jede fünfte Person in Deutschland hat einen Migrationshintergrund — 16 Millionen Menschen also, die möglicherweise nicht nur in einer, sondern in zwei Sprachen „zu Hause“ sind. Zwei Sprachen, das sind zwei Identitäten, zwei Kulturen, zwei Lieben. Auch Lena kennt das Gefühl. Eine Liebeserklärung ohne Worte

Text: Lena Ljucovic

„Ajo nuk flet më shkollë”. Das ist albanisch und bedeutet umgangssprachlich „Sie spricht grammatikalisch falsch“ oder „Sie spricht nur Bauernalbanisch“. Dieser Satz, der wörtlich übersetzt so viel heißt wie „Sie spricht nicht mit Schule“ wird von den in den Alpen lebenden Albaner*innen verwendet, um Leute wie mich zu beschreiben. Ich beherrsche die albanische Sprache nicht in ihrer grammatikalisch richtigen Form. Ich habe nur „Bauernalbanisch“ gelernt und auch das kann ich nicht richtig. Ich spreche ohne Schule, so wie diejenigen, die nie eine Schule besucht haben. Ich war aber in der Schule und ich habe sogar studiert — auf Deutsch, der Sprache, die ich mit Schule spreche.

Albanisch hingegen ist die Sprache, die wir nur zu Hause gesprochen haben. Und das auch nur, wenn uns die deutschen Nachbarn nicht hören konnten. Später wollte ich es nicht mehr sprechen, weil alle meine Freundinnen Deutsche sind. Noch später, mit 15, wollte ich dann wieder die Sprache meiner Eltern sprechen, aber mein Albanisch war dann nicht mehr nur ohne Schule, sondern auch ohne Worte. Mein Wortschatz war deutlich geschrumpft. Ich fand es nicht weiter schlimm, schließlich war es ja nur die Sprache, die wir im privaten Raum sprachen und nicht weiter nützlich.
Heute finde ich es schlimm. Es ist nicht nur die Sprache, die wir zu Hause sprechen, es ist die Sprache mit Zuhause. Es ist die Sprache, die ich mit kleinen Kindern sprechen möchte, in der ich häufig träume und die ich fühle. Wenn ich in Berlin in der U-Bahn sitze und jemanden auf Albanisch sprechen höre, kribbelt es in meinem Bauch. Und: Ich habe das Bedürfnis, mich als Albanerin zu erkennen zu geben.

„Fol Shqip“ (Sprich albanisch) ist der Titel eines bekannten albanischen Lieds. Mein Cousin hat es mir vorgespielt. Er sagte mir, es sei an Leute wie mich gerichtet. Ich spräche zwar ganz gut, sagte er, aber es gehe hier um viel mehr als nur Sprache. Als würde ich das nicht wissen.
Ich konnte ihm nicht erklären, was in mir vorgeht, wenn ich dieses Lied höre oder wie es sich anfühlt, Menschen in Berlin, an einem Ort, an dem ich deutsch rede und schreibe, Albanisch zu hören. Ich konnte es ihm nicht erklären, weil die Sprache, mit der ich es hätte erklären können, die falsche Sprache, die deutsche Sprache, war. Nicht nur, weil er kein Wort Deutsch versteht, sondern auch, weil es einfach keine deutschen Begriffe gibt, die meine albanischen Gefühle angemessen beschreiben könnten. Wie sollte das auch gehen, wenn die deutsche Sprache doch meine Schulsprache war. Wenn ich mir vorstelle, Kinder zu haben und mit diesen auf Deutsch zu sprechen, stelle ich mir eine Form des Unterrichts vor. Wie kann aber die Zuhause-Sprache Albanisch sein, wenn ich es selbst nicht richtig spreche?

Ich möchte in der Öffentlichkeit Albanisch sprechen, aber mir ist es unangenehm, weil ich nicht mit Schule spreche. Ich möchte die Komplexität meiner Gefühle und Konflikte beschreiben können. Ich will mich an politischen Gesprächen beteiligen, albanischen Männern etwas vom Feminismus erzählen und diesen Text auf Albanisch verfassen können. Und ich möchte meine Gefühle mit Zuhause nicht mit einer anderen Sprache beschreiben müssen – denn das entfremdet sie.

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