Senthuran Varatharajah schafft in seinem Debütroman „Vor der Zunahme der Zeichen“ einen unabhängigen Raum innerhalb der Flüchtlingsdebatte, indem er das Gefühl von Sprach- und Heimatlosigkeit erzählerisch umsetzt

Text: Friederike Oertel

Die Themen Flucht, Zuwanderung und Integration haben die Verlagsprogramme erreicht. Das im März erschienene Debüt des in Berlin lebenden Schriftstellers Senthuran Varatharajah „Vor der Zunahme der Zeichen“ schlägt dabei einen leisen Ton in der sonst eher lauten Debatte an. Varatharajah, 1984 in Sri Lanka geboren, behauptet in seinem Buch einen Raum jenseits jeglicher Kategorisierung, der sich an den Rändern unserer Sprache bewegt und Heimatlosigkeit erfahrbar macht.

Angesiedelt ist das Erzählen in der Ort- und Staatenlosigkeit des Internets: Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi einen Dialog über Facebook. Er ist Philosophiedoktorand in Berlin, sie Studentin der Kunstgeschichte in Marburg. Obwohl sie einander nie begegnet sind, erzählen sie sich sieben Tage und Nächte aus ihrem Leben. Grundbedingung des Schreibens sind die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, die sie noch im Kindesalter erlebt haben. Sie ist Albanerin aus dem Kosovo, er Tamile aus Sri Lanka.
Senthil und Valmira sind zwischen zwei Welten aufgewachsen: Die Realität, aus der sie gekommen sind, existiert nicht mehr und ist ihnen nie zur Heimat geworden. Die Eltern schweigen, schreiben aber traditionelle Werte und Denkweisen vor, die erneut zu Ausgrenzung führen. Es sind Kinder, die ihre Heimat vergessen sollen, von der Gesellschaft jedoch stets nach ihrer Herkunft beurteilt werden und Alltagsrassismus von klein auf zu spüren bekommen.
Varatharajah entzieht sich jeder Erwartungshaltung, die an einen Roman herangetragen wird: Weder gibt es eine Handlung mit Spannungsbogen, noch ähnelt der Nachrichtenverlauf einem Facebook-Chat. Es handelt sich nicht einmal um einen klassischen Dialog: Senthil und Valmira erzählen bruchstückhaft und poetisch, wandern chronologisch in der Zeit, gehen selten direkt aufeinander ein und stellen kaum Fragen. Fast scheint es, als löse das Schreiben einen assoziativen Gedankenfluss beim Anderen aus.
Das ewige Kreisen um einen festen Kern beschreibt das gemeinsame Suchen nach einer Ausdrucksform, um das Unsagbare in Worte zu fassen. Immer wieder müssen sie feststellen, dass ihre Sprache unzulänglich ist – dass Sinn und Stoff, Bezeichnendes und Bezeichnetes nicht übereinstimmen, Signifikant und Signifikat nicht kongruent sind. Die Suche nach Sprache wird zu einem Reflektieren über ihre Grenzen und einem Anrennen gegen sie:

»vielleicht sprechen wir, um an das ende dieser und jeder möglichen sprache zu gelangen, westwärts, achttausendvierhundertdreiundachtzig kilometer, über moskau und berlin und über die routen und kadenzen und abwege der sätze auch, denn es gibt keine geraden und keine gnade in der grammatik; bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen, und nichts werden wir dabei gesagt haben.«

Unklar ist, ob Senthil und Valmira ihre Sprache finden, denn viele Bruchstücke müssen ohne Auflösung stehen bleiben. Doch Sprache wird zum Zufluchtsort, den sich beide selbst erschaffen. Was am Ende entsteht, ist eine Art Collage oder Stimmung, die kaum zu verorten ist. Unaufgeregt, leise und tastend – entstanden irgendwo zwischen den Zeichen, dort wo sie sich verrät und vom Leser auf seine Weise erraten werden will.

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