Ulrike Draesner ist eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen des 21. Jahrhunderts. Sie veröffentlichte in verschiedenen Verlagen als Dichterin, Prosaautorin und Essayistin. Ihr aktueller Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ erschien 2014 bei Luchterhand. Seit Kurzem hat sie einen Lehrauftrag an der University of Oxford, wo sie lebt und nun auch begonnen hat, auf Englisch literarisch zu schreiben.

PAROLI sprach mit Ulrike Draesner über die Verbindung von Wahrnehmung, Kultur und Sprache. Sie ist sich sicher: Sprachen erschaffen und verändern unser Weltbild.

Interview: Eva Schneider und Julia Krautstengel

Ulrike, was verstehst du unter Mehrsprachigkeit?
Sprachen zu lernen und zu beherrschen bedeutet nicht unbedingt Mehrsprachigkeit.
Abgesehen davon, dass mir dieses „Beherrschen“ ohnehin suspekt ist. Mehrsprachigkeit
mag beginnen, wenn man sich im Alltag mindestens in zwei Sprachen bewegt. Sie
können auch Teil einer Sprache sein, wie etwa eine Hochsprache und ein Dialekt. Und wenn
man Literatur schreibt. Weil man verschiedene Sprachen benutzt, auch wenn sie als „eine“ klassifiziert werden.

Fühlst du dich mehrsprachig?
Ich habe erst mit zehn Jahren die erste Fremdsprache gelernt, das war Englisch. Später studierte
ich für zwei Jahre in England, wo ich derzeit wieder lebe. Bin ich mehrsprachig? Ich bin in einem
merkwürdigen Zwischenzustand, das jedenfalls. Schon als ich das erste Mal nach England
kam, hat sich mein Kopf sprachlich umgestellt, die Träume stellten sich um, meine Identität veränderte sich, ich wurde eine andere.

Was genau meinst du mit „Kopf umstellen“?
Ich habe nicht übersetzt. Ich sprach Englisch und dachte Englisch und lebte Englisch. Manchmal
war mir das Englische näher als das Deutsche. Aber in dem Moment, indem ich nach Deutschland zurückkehre, dreht sich das wieder um. Auf mehreren Sprachen zu kommunizieren ist eine Herausforderung.

»Manchmal war mir das Englische näher als das Deutsche«

Inwiefern sind Wahrnehmung und Sprache verknüpft?
Das Gedicht „brach, my branch in the sky“ in meinem letzten Gedichtband „subsong“ beschäftigt sich mit genau dieser Frage: Was passiert, wenn ich mir vorstelle, ich erlebe dasselbe oder vielleicht doch nicht dasselbe, wenn ich als Kleinkind in einem Bett liege und ein window sehe. Es hat keine Scheibe, sondern eine pane, das ist homophon zu dem Wort Schmerz. Und das Ding draußen heißt nicht weich und lautlich umschließend Baum, sondern es steht sehr aufrecht da, aber kühl als tree. Mit branches und twigs. Es kratzt viel mehr.

Du meinst, die Wahrnehmung ergibt sich aus der Sprache?
Ja! Was sagt es über die Welt, in der man lebt und in der gesprochen wird, wenn ich im Deutschen sage: Da kommt jemand vom Regen in die Traufe? Die Vorstellung dabei scheint zu sein: Wenn es regnet, werde ich nur teilweise nass, in der Traufe aber total. Ein Engländer käme nie auf die Idee, eine Verschlechterung mit Wasser oder Nässe auszudrücken. Bei dem Wetter auf der Insel ist das einfach keine Option. Es regnet tatsächlich jeden Tag! In England springt man von der Bratpfanne ins Feuer. Das Schlimme ist also Feuer, nicht Wasser. Sprachen sind voll mit Ansichten und Wissen, wir nutzen tausende solcher Wendungen oder Metaphern bereits in der Standardsprache. Selbstverständlich formen sie unser Weltbild.

Wenn die Kultur so mit Sprache verknüpft ist, wie wichtig ist deiner Meinung nach dann die Förderung der Erstsprache in Deutschland, also für Nicht-„Muttersprachler*innen“?
Die Sprache oder die Sprachen, mit denen man aufgewachsen ist, tragen wesentlich zu unserem Gefühl bei, irgendwie verwurzelt, verankert und zu Hause zu sein. Das Gefühl der tiefsten Verwurzelung und des Beheimatetseins und auch das Gefühl, mich einmischen zu dürfen, habe ich im Deutschen stärker, als im Englischen.

Warum hast du dich dazu entschieden, auch auf Englisch literarisch zu schreiben?
Als ich als Studentin nach Oxford kam, schrieb ich nicht. Das gehört in meine Kindheit. Nicht einmal in meine Pubertät. In Oxford erlitt ich erst einmal so etwas wie einen language shock.
Alles war englisch, englisch, englisch – was für eine Immersion. Ich hatte nach dem Jahr zum
ersten Mal eine Fremdsprache nicht gelernt, sondern mir zu eigen gemacht.
Die Überraschung kommt jetzt. Als ich nach Deutschland zurückkam, erlitt ich noch einen
language shock. Das Deutsche war ein Stück weggerückt von mir und fremd. Damals fing ich an,
literarisch zu schreiben. Ich studierte Englische Literatur, lernte dort, las Englisch. Mit einem
Blick der daraus kam, einem Mund, der hier seine Silben murmelte, fing ich in der-anderen-
Sprache an. Dem Deutschen. Ein Übersetzungsprozess also, nur „falschherum“.

Das heißt die Umgebung hat einen Einfluss darauf, auf welcher Sprache du schreibst?
Ja! Ich war später noch einmal ein Jahr in England, kehrte dann aber des Schreibens wegen erneut nach Deutschland zurück. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Sprache, in der ich schreibe, auch um mich herum hören muss. Ich musste mit ihr in Berührung sein, um mein eigenes Schreiben zu entwickeln.

Inwiefern verändern sich die Themen mit dem Sprachwechsel?
Die Themen müssen andere sein. Weil die Sprache selbst ja das ist, wodurch ich die Welt wahrnehme. Ich habe als Erstes angefangen, Gedichte auf Englisch zu schreiben. Sie alle beziehen sich auf Oxford, also die Landschaft oder Straßen hier. Dinge, die mir aus diesem englischen Leben entgegenkommen. Ich kann nur alle ermuntern, das einmal auszuprobieren
und die Freiheit zu genießen, die einem die fremde Sprache in diesen Momenten schenkt.

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