Mit 29 Jahren kam Katja Petrowskaja nach Berlin. Hier arbeitet sie als Journalistin und Autorin für verschiedene russische Medien sowie deutsche Zeitungen. 2013 wurde sie für ihren Text „Vielleicht Esther“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es folgten die Veröffentlichung des gleichnamigen Romans bei Suhrkamp und weitere Auszeichnungen für ihr Werk. Im Erwachsenenalter in eine neue Sprachwelt einzutauchen, ist ihr sehr vertraut. Mit PAROLI hat sie darüber gesprochen, wie es sich für sie bis heute anfühlt.

Interview: Eva Schneider und Julia Krautstengel
Foto: Heike Steinweg

PAROLI: Was bedeutet der Begriff Mehrsprachigkeit für dich?
Katja Petrowskaja: Mehrsprachig sein hat etwas mit einem Freiheitsgefühl zu tun und der Fähigkeit, ohne Probleme zwischen den Sprachen zu wechseln. Das kann ich über mich auf jeden Fall nicht sagen. Du empfindest kein Freiheitsgefühl im Deutschen, meinst du das? Ich spreche Deutsch. Aber selbst wenn ich einen Satz ohne Fehler sage, weiß ich davon nichts. Ich habe Deutsch ja erst so spät gelernt. Ich war nie an der Schule, dadurch habe ich nie diese Sprachsicherheit bekommen.

Wie hast du Deutsch gelernt?
Ich bin seit 17 Jahren in Berlin, da kann man schon einiges mitkriegen. Ganz am Anfang hatte
ich ein bisschen Unterricht, auch schon in Russland. Mein Deutsch ist eher selbstgebastelt. Deswegen fühle mich so wahnsinnig unsicher auf Deutsch. Ich finde das aber gleichzeitig auch sehr schön, dass man Fehler macht und als Schriftstellerin trotzdem gefeiert wird.

Wie pflegst du in Deutschland das Russische?
Es besteht keine Gefahr, dass ich meine Muttersprache vergesse. Die Leute, die mit 14 kommen, haben vielleicht dieses Problem, aber wenn man mit 29 in ein Land kommt, ist das etwas anderes. Alles, was man bis dahin erworben hat, ist ein Geschenk. Die Sprache, die schon da ist, geht nicht weg.

Inwiefern unterscheidet sich dein Schreiben auf Russisch und Deutsch?
Ich schreibe jetzt wieder mehr auf Russisch. Das heißt ich versuche es, aber ich habe auch
kein richtiges Gefühl für die russische Sprache. Ich bin noch verrückter auf Russisch. Ohne
Punkt und Komma und ganz ohne Syntax, total lange Sätze. Es ist wirklich interessant, ich dachte, man tobt sich auf Deutsch, der anderen Sprache, aus, aber eigentlich ist es eher Reduzierung gewesen.

Warum hast du „Vielleicht Esther“ auf Deutsch geschrieben?
Mit „Vielleicht Esther“ war es wirklich sehr kompliziert – ich habe zuerst angefangen die
Geschichte auf Russisch aufzuschreiben, weil sie mir auf Russisch erzählt wurde und ich russischsprachige Notizen gemacht hatte. Und es gab Dokumente und Memoiren, die als Grundlage auf Russisch existierten. Aber allmählich wollte der Text auf Deutsch sein. Das war eben nicht von Beginn an klar, es war ein Prozess.

Und gerade?
Jetzt ist es so, dass die deutsche Sprache eher von mir abblättert. Ich glaube, das hat mit dieser
Über-Mühe, die ich beim Schreiben aufwenden muss, zu tun und damit, dass ich mich in der
Sprache nicht ganz sicher fühle. Jetzt habe ich ein paar ganz kleine Geschichten geschrieben,
aber diese sind wieder auf Russisch und es kam ein bisschen Englisch dazu. Ich habe einfach auf meinen Rhythmus gehört. Das ist so eine kleine Entscheidung, ob du auf Deutsch oder Russisch schreibst. Natürlich ist das Deutsche zum jetzigen Zeitpunkt die pragmatischere Entscheidung, weil das alle von mir erwarten. Auf Russisch zu schreiben, ist jetzt viel mutiger, aber viele verstehen das nicht. Auf Russisch zu schreiben würde für mich bedeuten, endlich wirklich zu schreiben.

Was könnte es deiner Meinung nach bringen, in einer fremden Sprache zu schreiben?
Ich glaube, auf der Muttersprache ist man mit der eigenen Biografie, also mit allem, was man
erlebt hat, sehr verbunden. Eine fremde Sprache ist wie ein freier Raum, der mit den Büchern und Wörtern verbunden ist, die man auf dieser Sprache gelesen bzw. gelernt hat. Auf jeden Fall ist man viel freier. Es ist fiktiver und man kennt das Gefühlt, auf Englisch zum Beispiel viel leichtsinniger zu sein, ohne diese schwere russische oder deutsche Last.

Vielen Dank für das Gespräch!

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