Gigo Flow rappt über Rassismus und Politik und gibt Workshops an Schulen. Er ist auch Initiator des Projekts Spuck auf Rechts, für das verschiedene Künstler*innen sozialkritische Songs gegen Nazis produzieren. Der Musiker will Menschen erreichen und mit seinen Texten zum Umdenken anregen. Dass er einmal Rapper werden würde, war aber nicht immer klar: 1985 geboren, wuchs er im Berliner Osten auf. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater kommt aus Guinea. Er spricht Deutsch und „leider nur ein bisschen Französisch“, wie er selbst sagt. Immer wieder muss er sich als Jugendlicher mit rassistischen Äußerungen auseinandersetzen, gerät mit dem Gesetz in Konflikt und muss für einige Zeit ins Gefängnis. Hier fängt er an, Texte zu schreiben, wird Mitglied der Rap-Formation Gitta Spitta und tritt nach seiner Entlassung mehr und mehr als Rapper in Erscheinung. Heute lebt Gigo Flow mit seiner Familie im Stadtteil Wedding. Die Jugendredaktion von paroli hat mit ihm über sein Leben als Rapper, seine Texte und die aktuelle Politik gesprochen.

Gigo Flow, wenn man dich googelt, findet man sehr viele Videos von dir. Wie lange rappst du denn schon und wie bist du dazu gekommen?
Ich rappe jetzt ungefähr seit zehn Jahren. Eigentlich bin ich dazu gekommen, weil ich auch selber Rap – so Sido, Bushido – gehört habe und das cool fand, als das alles losging mit dem Berliner Rap. Am Anfang war das eher nur ein Spaß für mich. Ich hab dann auch angefangen wie die: ohne Sinn und mit vielen Kraftausdrücken. Eigentlich habe ich einfach das, was ich selber gehört habe, nachgemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es keinen Sinn macht, Leute zu beleidigen, die man nicht kennt, sondern dass man lieber Sachen ansprechen sollte, die wichtig sind. Deshalb bin ich Rapper geworden! Ich habe gemerkt, dass man Leute damit aufklären kann. Und: Man kann seine eigenen Probleme niederschreiben – das hilft schon sehr.

Soziale Netzwerke werden immer wichtiger, was machst du zum
Beispiel bei YouTube, um neue Fans zu gewinnen?
Ich habe jetzt 4000 Abonnent*innen. Das ist noch nicht so viel, aber ich kenne mich mit dieser ganzen neuen Technik nicht so gut aus: Wie verdiene ich damit Geld, wie kriege ich meine ganzen Abonnent*innen und so was, da bin ich voll hinterher.

Und wie drehst du deine Videos?
Da gibt es ja schon viele, die auch professionell aussehen… Das habe ich mir selber beigebracht, weil man sich auf andere leider nicht immer verlassen kann. Deshalb habe ich angefangen, Videos selber zu drehen und seitdem läuft es besser. Was bedeutet Erfolg für dich? Das kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Für mich ist es gut, dass ich andere Länder bereisen kann und durch das Rappen hier und da ein bisschen Geld verdiene. Das ist für mich schon Erfolg. Andere nennen sich dann erfolgreich, wenn sie im Fernsehen zu sehen sind oder wenn sie Touren spielen.

Du hast gesagt, mit dem Rappen kann man Menschen aufklären. Was sind deine Themen, wenn du einen Text schreibst?
Da gibt es viele Themen. Meistens geht es um mich. Wenn ich etwas schreibe, geht mir sehr viel von der Seele und ich fühle mich freier. Das könnt ihr auch probieren: Wenn ihr Probleme habt, einfach mal die Sachen aufschreiben, dann ist man wie befreit. Oft geht es in meinen Texten auch um Rassismus oder Gentrifizierung – alles, was auch aktuell in der Politik am Start ist. Und manchmal schreibe ich einen Partysong, wenn ich mich danach fühle. Ich glaube, dass ich mit meiner Musik auch die Leute erreichen kann, die sich vielleicht mit einem Thema noch nicht so sehr beschäftigt haben. Wenn sie dann ein Lied von mir hören, in dem bestimmte Dinge thematisiert werden, dann denke ich schon, dass das auch für diese Menschen interessanter wird.

Du hast 2012 das Projekt Spuck auf Rechts ins Leben gerufen, in dem du über die rechte Szene aufklären willst. Warum ist es dir wichtig, über Nazis zu sprechen?
Wenn man kein Nazi ist, ist ja eigentlich jeder gegen Nazis. Bei mir kommt aber noch hinzu, dass ich im Osten von Berlin aufgewachsen bin. Das war immer schwierig für mich, denn da gab es nicht so viele Ausländer*innen, erst recht keine Schwarzen – da wurde ich schon öfters mal angemacht. Deshalb war ich schon von klein auf gegen Nazis. Als ich dann Musik gemacht habe und gemerkt habe, man kann damit Leute erreichen und aufklären, dachte ich okay, dann mache ich jetzt ein bisschen Musik gegen rechts. Dann kam noch raus, dass diese NSU-Morde wirklich passiert sind, wer das war und dass das ein ganzes Netzwerk ist. Da war für mich klar, dass ich irgendetwas dagegen machen muss. Und so ist mein Projekt Spuck auf Rechts entstanden.

Das sind ganz schön komplizierte Stoffe – wie merkst du dir deine Texte? Gibt es da Tricks?
Bei mir ist es so, dass ich Schwierigkeiten damit habe, meine eigenen Texte zu lernen, also wenn man die Lieder geschrieben und aufgenommen hat und immer hören kann, dann ist es eigentlich kein Problem. Aber wenn ich einen Text gerade erst geschrieben habe und dann einen Tag später auswendig und vor anderen präsentieren muss, dann ist es für mich schwierig. Für jemand anderen ist es vielleicht ein bisschen leichter…

Das heißt, du liest es dir immer wieder durch und trägst es vor?
Genau. Man merkt sich dann auch die Reime und dadurch bildet sich bei mir eine Brücke, über die ich mir die Texte besser merken kann.

Welchen Tipp hast du für alle, die auch rappen wollen?
Manche können nicht so sehr aus sich rauskommen, dann ist es sehr schwer. Also man muss schon seine Schüchternheit für’s Rappen ablegen.

Bei dir kann man aber auch Rappen lernen, oder? Wie läuft so ein Workshop ab?
Ja, genau! Fast jeden Monat gebe ich einen Rap-Workshop. Wir beschäftigen uns erst mal mit dem Hip Hop: Wo kommt Hip Hop her? Wir gucken uns also die ganze Geschichte an. Dann mache ich ein paar Reim- und Rhythmusübungen. Anschließend, falls es schon ein Thema gibt, schreiben wir zu diesem Thema und wenn nicht, erarbeiten wir es zusammen. Es sollte auch für alle interessant sein. Wenn wir den Text geschrieben haben, nehmen wir das auf. Meistens machen wir auch ein Video dazu, aber das ist immer unterschiedlich und hängt davon ab, wie viel Zeit wir haben. Jede*r kann mitmachen, auch ganz ohne Vorkenntnisse.

Welche neuen Projekte stehen bei dir an?
Ich mache gerade ein Projekt für die Wahlen 2017. Da kommen jetzt bald sechs neue Lieder raus und die haben alle spezifische Themen wie zum Beispiel Sexismus, Rechtspopulismus und Gentrifizierung.

 

Das Interview führte die paroli-Jugendredaktion.
Bilnachweis: © paroli-Jugendredaktion

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