In jeder Ausgabe ist ein Platz reserviert für ganz persönliche Perspektiven auf das Leben und Fühlen in verschiedenen Sprachen.

Ich wünsche Gute Nacht auf Katalanisch (bona nit), beschimpfe auf Spanisch und lebe meinen Alltag auf Deutsch. Ich bin in Barcelona aufgewachsen – zu Hause habe ich mit meiner Mutter Spanisch und mit meinem Vater Katalanisch gesprochen. Seit einigen Jahren wohne und arbeite ich in Berlin. Deutsch ist für mich eine “fremde” Sprache, die mittlerweile meine Alltagssprache geworden ist. Mein deutscher Alltag ist so wie dieser Text: Schreibfehler, Sprachunsicherheit, Akzent und viele gerollte „r’s“.

Im Gymnasium in Barcelona habe ich Deutsch als Fremdsprache gelernt. Der Unterricht war schwierig – Dativ, Akkusativ und Genitiv… Weder meine Familie noch die Freunde konnten Deutsch. Dadurch wurde Deutsch zu einer intimen Sprache, um Geheimnisse zu erzählen und geheime Liebesbriefe zu schreiben. Ich hatte die besondere Eigenschaft, deutsche Touristen in Barcelona heimlich zu verstehen und als wir mal mit der Familie in Deutschland im Urlaub waren, war ich die Einzige, die Essen bestellen und Bahntickets kaufen konnte. Diese besonderen Eigenschaften haben die Rollen zwischen meinen Eltern und mir vertauscht. Ich war die Überlegene.

Dann kam ich vor zehn Jahren nach Berlin und die geheime Sprache wurde zur „normalen” Sprache. Ich war nicht mehr diejenige, die eine schwierige Fremdsprache sprechen konnte. Ich war die Fremde, die anders und mit Akzent sprach. Die Rollen hatten sich schon wieder vertauscht. Meinen ersten Arbeits- und Wohnungsmietvertrag habe ich auf Deutsch unterschrieben und die Steuererklärung kam auch noch dazu. Ich bin auf Deutsch erwachsen geworden: arbeiten, lieben, streiten, krank werden und wieder gesund… alles auf einer Fremdsprache.

Mit der Zeit merkte ich, dass einige Persönlichkeitsmerkmale in einer Sprache erweiterter sind als in der anderen. Auf Deutsch bin ich distanzierter, analytischer, ernster und werde häufig gesiezt. Auf Spanisch bin ich spontaner, lustiger, emotionaler und werde immer geduzt. Wenn ich tagelang nur auf Deutsch spreche, dann vermisse ich einen Teil von mir. Und umgekehrt, wenn ich zu lange Urlaub in Barcelona mache, dann vermisse ich mein „deutsches Ich“. Dagegen hilft mir ein Trick: In Barcelona lese ich auf Deutsch und in Berlin lese ich auf Spanisch. Obwohl es sehr frustrierend ist DER (Maskulinum) und DAS (Neutrum) immer wieder zu verwechseln, empfinde ich meine andersartige deutsche Sprache auch als eine Bereicherung.

Aus Angst nicht oder falsch verstanden zu werden, habe ich gelernt, schwierige Themen mehrmals und gut zu beschreiben, Grafiken und Metaphern zu verwenden oder einfach nur häufiger nachzufragen, ob alles verständlich war. Diese Kompetenzen sind für die Arbeit hilfreich. Ich arbeite für die Stadt Berlin im öffentlichen Sektor. Bei mir rufen deutlich mehr Menschen an, die so wie ich auch anders sprechen und in Berlin eine Heimat gefunden haben.
Das gibt mir ein schönes Gefühl der Zugehörigkeit.

Text: Júlia Gutiérrez Peris
Illustration: Mia Mottelson

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