Drei Brüder im Spandauer Lynarkiez: Als Danyal, der älteste der drei aus dem Gefängnis kommt, findet er den jüngsten Bruder als Spielsüchtigen vor. Es beginnt eine Geschichte, die von Zusammenhalt unter Geschwistern und im Kiez erzählt. Sie erzählt aber auch von den Schattenseiten, von Drogen und Gewalt. Familiye ist der erste Kinofilm der beiden Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya. Sedat ist im Lynarkiez aufgewachsen und auch Kubilay ist Berliner. Von hier aus tourten sie nach der Filmpremiere im Frühjahr 2018 durch Deutschland. Maysoun hat die beiden für paroli im FiZ getroffen. Im Interview erzählen sie, was sie zu dem Film motivierte und warum er anders ist als alles, was die Filmindustrie bisher produziert hat.

Der Titel des Films ist Familiye. Warum wird das eigentlich mit Y geschrieben?

Sedat: Das war ein Zufall. Der Arbeitstitel war Berlin Neustadt. Als wir im Schnitt saßen, hat der Dramaturg gesagt, dass der Film eigentlich anders heißen müsste, weil es die ganze Zeit um Familie geht. Er ist Deutscher, der in der Türkei lebt, und er hatte dann diese Idee.

Kubilay: Das ist Deutschkisch!

Was bedeutet für euch Familie?

K: Für mich ist jeder Mensch, der bewusst ein guter Mensch ist, Familie. Ich habe Geschwister und ich habe Verwandte, aber Sedat steht mir zum Teil näher. Familie ist sehr individuell zu definieren. Für mich bedeutet es Loyalität. Wer mich fragt, wie es mir wirklich geht, mir in die Augen schaut und es ernst meint.

S: Blut ist nicht gleich Familie. Es kommt wirklich auf die Person an.

Loyalität ist ja auch ein großes Thema in dem Film…
K: Absolut! Das ist auch die sozialkritische Botschaft nach draußen: sich nicht fallen zu lassen, wenn es am einfachsten ist. Das ist das, was der älteste Bruder dem jüngsten versucht nahezubringen: Merke dir, dass es mit Schlägen erst gar nicht funktioniert.

Ist das auch eine Art Appell an die Zuschauer*innen?

K: Der Film neben dem Film – das ist tausend Mal interessanter. Die Art und Weise wie dieser Film gemacht wurde, ist sehr aufklärend. Dieses immer wieder Aufstehen ist eigentlich der Weg. Der Weg ist das Ziel – das ist der Appell. Ich will den Jugendlichen nicht vermitteln: Guckt mal den Film, damit ihr seht, was mit Spielsüchtigen passiert. Das ist mir viel zu klein. Ich will versuchen, die Menschen dazu zu bewegen, dass sie über den Tellerrand schauen. Dass sie sehen, dass da zwei Autodidakten sind, die keine Filmhochschule besucht haben, die aus einem Kiez kommen so wie du und ich auch. Und die haben es geschafft, einen Film zu drehen, der überall in Deutschland gezeigt wurde. Das bedeutet: Ich fang an! Und alles andere ist Entertainment. Entertainment vergeht, aber das andere ist, was bleiben soll. Wir wählen den Weg über die Kunst.

Was hat euch zu dem Film motiviert?

K: Sehr viele Sachen. Hauptsächlich eigenes Leid, eigene Autobiografie, eigene Erfahrungen, die ich nicht verarbeiten konnte. Die Schicksale von anderen, die mir über den Weg gelaufen sind. Und natürlich meine Begeisterung und meine Leidenschaft für den Film.

Hat euch der Film geholfen, Dinge aus eurem Leben zu verarbeiten?

S: Wir haben sehr viel da reinfließen lassen, auch manchmal unbewusst. Man ist ja geprägt von Sachen, die passieren. Später haben wir dann gesehen, das ist in der Geschichte mit drin.

K: Wir sind eigentlich mittendrin Wir verarbeiten jetzt immernoch.

Ich bin ja dort geboren und aufgewachsen. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre – egal welche Nationalität, welche Hautfarbe. Alle aus dem Kiez sind eine Familie. Sedat

Wie viel Wahrheit steckt in eurem Film?

K: Als wir angefangen haben, den Stoff zu entwickeln, da sind die ganzen Casinos wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das war der Impuls für das Thema Spielsucht und Beschaffungskriminalität. Wir haben uns daran künstlerisch bedient. Und wir haben von Anfang an gesagt, wir wollen das mit Menschen machen, die in den Medien noch keine große Rolle spielen. Leute wie Moritz Bleibtreu oder Xatar sind alle später dazu gekommen, aber der Kern sollte so unbekannt wie möglich sein. Weil, es muss um die Materie gehen und das Drumherum soll nicht ablenken.

Ihr sagt, ihr habt euch an den Kiez-Themen bedient. Warum überträgt sich der schlechte Einfluss meist auf alle Jugendlichen und es geraten so viele auf die schiefe Bahn?

S: Die Jungs, die sehen ja nichts anderes. Sie wachsen damit auf. Wenn du jemandem sagst, du kannst mit Kriminalität anstatt mit Schule in einem Jahr diesen Wagen fahren, dann sagt der, ich gehe lieber den kürzeren Weg. Aber von dem Risiko erzählt dir keiner. Das checken viele dann nicht mehr, dass dieser Weg eigentlich der falsche ist. Das ist hier nicht anders. Du kommst entweder in den Knast, du wirst drogensüchtig oder alkoholsüchtig und dann bist du weg. Da braucht man Aufklärung.

K: Es ist auch die Sucht nach Anerkennung, du willst einfach wahrgenommen werden. Teilweise werden die Kids zu Hause wie Luft behandelt, dann kommt man in der Schule nicht klar und merkt, jetzt wird es noch schwieriger auf die Universität zu gehen. Deshalb guckt man, was die anderen machen und versucht es nachzuahmen. Auch auf Instagram machen es manche den Jugendlichen vor, wie man zum Beispiel Drogen konsumiert. Für mich ist das Dreck! Wenn ihr den Jungs schon Sachen vorlebt, dann zeigt ihnen doch wenigstens, dass ihr auch mal ins Sportstudio geht, dass ihr auch mal mit eurer Oma zusammensitzt. Ist doch cool, das ist Familie! Familie ist doch nicht peinlich!

Was sind die Sonnenseiten des Lynarkiezes?

K: Allein schon die Kids und die Menschen, die dort leben. Gibt es bei jemandem zu Hause einen Wasserrohrbruch, gibt es immer jemanden in der Nachbarschaft, der sich da auskennt. Das ist Kiez!

S: Ich bin ja dort geboren und aufgewachsen. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre – Egal welche Nationalität, welche Hautfarbe. Alle aus dem Kiez sind eine Familie. Deshalb hat es auch Spaß gemacht, dort zu drehen. Alle haben geholfen und uns unterstützt.

K: Was Positives ist auch der örtliche Bäcker. Jeden Tag gehen wir dorthin und verteilen dann das frischeste Essen an die Leute im Kiez.

Wieso habt ihr den Film in Schwarz-Weiß gedreht?

S: Das war ein Stilmittel für uns.

K: Schwarz-Weiß bedeutet „sehr nah“. Diese Welt in dem Kiez zu diesem Zeitpunkt, das, was wir dort erlebt haben, was wir versucht haben zu zeigen, ist nicht bunt. Schwarz oder weiß, du gewinnst oder du verlierst. Dazwischen gibt es nichts.

Gibt es noch mehr, was in eurem Film anders ist als in Hollywood?

K: Es gibt nicht diese klassische Frauenfigur neben der Hauptrolle. Das war uns sehr wichtig. Danyal kommt aus dem Knast und das, was ihn interessiert, sind in dem Moment seine Brüder. Das ist auch eine Ansage an die Filmindustrie, dass Liebe nicht immer mit Knutschen erklärt werden muss. Wir zeigen Liebe und Zuneigung anders – und alle verstehen es.

Seid ihr jetzt die Stars vom Block?

K: Ich bin 44 und habe schon krass viel Rassismus erfahren in diesem Land. Mir ist im Sommer etwas passiert, das hat mich an mir selbst geärgert. Ich bin mit meinem Sohn ein paar Bahnen geschwommen und eine ältere Frau hat mich die ganze Zeit angeguckt. Irgendwann hat es mir gereicht und ich habe gesagt: Was ist denn? Dann hat sie gefragt: Haben Sie nicht in dem Film Familiye mitgespielt? Ich habe mich entschuldigt, dass ich so grimmig gefragt habe, aber ich bin, was das betrifft, echt gezeichnet. Manchmal passieren trotzdem so wunderschöne Dinge. Es gibt doch nichts Schöneres als Anerkennung, also, dass jemand zu dir sagt, du hast etwas gut gemacht. Das ist auch das, was wir vermitteln. Du musst nicht unbedingt einer Frau die Handtasche klauen, nur damit du Anerkennung bekommst. Du kannst es viel einfacher haben, indem du der Frau hilfst.

Wann bin ich denn Deutsch heute? Ich kann Sauerkraut kochen, ich kann Rotkohl kochen, ich kann Kartoffelpüree. Was soll ich noch machen? Kubilay

Gab es deutschlandweite Reaktionen?

K: Eine Frau hat mir geschrieben, davon war ich sehr gerührt. Zum  Beispiel, dass sie wegen Mohammed so geweint hat. Dass sie uns mutig findet, einem Menschen mit Down-Syndrom so einen Platz gegeben zu haben, weil sie so krass diskriminiert werden. Mohammed spielt ja den mittleren Bruder. Und sie wünscht sich mehr solche Filme. Eine Frau hat gesagt, dass sie eigentlich bei uns beiden die Straßenseite wechseln würde, sie uns jetzt aber gerne umarmen möchte. Dass wir von unseren Leuten gefeiert und auch gehasst werden, damit haben wir gerechnet. Aber Lob aus dem Mund von Deutschen ohne Migrationshintergrund zu hören, das ist schon etwas Besonderes.

Warum macht das so einen Unterschied?

K: Weil ich so viel Rassismus erfahren habe in meinem Leben. Wir sind in einem Haus groß geworden, wo auch ein Nazi gelebt hat. Der, wenn wir als kleine Kinder dort vorbeigegangen sind, die Tür aufgerissen hat und uns „Scheiß Türken“ und „Ausländer raus“ hinterhergeschrien hat. Wir haben immer Angst gehabt. Ich träume noch davon. Ich konnte mir nie erklären, was der Mann von mir möchte. Später haben wir uns in Spandau mit Nazis geprügelt. In meiner Kindheit war das Rathaus für Leute mit Migrationshintergrund eine No-Go-Area. Ein anderes Beispiel, meine Lehrer und Lehrerinnen. Die haben zu mir gesagt: Du wirst es nicht schaffen. Oder deiner Mutter wird das Kopftuch runtergerissen. Und nicht nur mir ist das alles passiert, Sedat hat ja auch seine Geschichte zu erzählen. Viele andere auch. Wann bin ich denn Deutsch heute? Ich kann Sauerkraut kochen, ich kann Rotkohl kochen, ich kann Kartoffelpüree. Was soll ich noch machen? Und deshalb freue ich mich umso mehr, wenn die Frau zu mir kommt und sagt, sie möchte mich umarmen. Alles richtig gemacht.

Bei paroli beschäftigen wir uns mit Mehrsprachigkeit und stellen allen frei, auf welcher Sprache sie schreiben wollen. Und auch ihr seid ja zwischen den Sprachen gesprungen im Film. Warum? Was bedeutet Sprache für euch?

S: Das Drehbuch ist auf Deutsch, bis auf die Dialoge. Die Dialoge haben wir offen gelassen.

K: Im ganzen Film kommen nicht ein Mal die Wörter Deutsch, Französisch, Bulgarisch, Kurdisch, Alevitisch, Sunnitisch oder Mongolisch vor. Das wollen wir auch nicht. Soweit ist die Filmindustrie aber noch nicht, die muss alles benennen. Ein Beispiel ist der Satz: „Jetzt wird in Berlin Arabisch gesprochen.“ Ja Digger, seit vielen, vielen Jahren wird in Berlin Arabisch gesprochen oder Kurdisch oder Bosnisch. Es interessiert mich nicht. Die Herkunft darf nicht im Vordergrund stehen. Mich interessiert das nicht, was ein Mensch scheinbar ist. Ist mir doch egal, wo er herkommt und an was er glaubt. Wichtig ist, ob es ein Mensch ist, mit dem ich an einem Tisch sitzen kann.

Was ist die Moral des Films?

K: Liebe! Eigentlich ist es nur das eine Wort. Es geht um Liebe! Das muss nicht immer zwischen Mann und Frau sein, sondern hier geht es um die Liebe unter Geschwistern, die wir auch selber kennen. Ich habe drei Geschwister, Sedat hat zwölf. Wir verstehen uns nicht mit allen gleich gut, das haben wir zum Beispiel in dem Film verarbeitet. Für mich ging es in erster Linie um diesen Zusammenhalt unter Geschwistern, frei von jedem Klischee! Und natürlich kämpfen wir ganz krass gegen das Klischee, das die meisten Filme bedienen: Wenn du hörst und liest, da spielt ein Gangster-Rapper mit, dann erwartest du, dass der die Pumpgun rausholt und jemand jemanden umbringt. Uns geht es aber darum, ein Verstehen zu schaffen, warum zum Beispiel ein Raub überhaupt passiert. Warum wird jemand straffällig? Nicht einfach: Der ist straffällig und zack, rein in diese Schublade. Wir wollten eigentlich genau, dass das passiert, was jetzt passiert: dass die Leute Dinge hinterfragen!

S: Wir haben den Film nicht gedreht, um Leuten zu sagen: Macht das anders. Sondern wir wollten was Authentisches machen und den Fokus auf die Leute richten. Wir wollten nicht, dass andere über diesen Kiez erzählen, sondern wir kommen daher und wollten genau zeigen, wie es wirklich ist. Nicht wie im Fernsehen das oberflächliche Bild des Gangsters zeigen. Wir sind nicht diese Gangster aus dem Film, aber wir kennen diese Leute und deshalb haben wir den echteren Blick drauf.

Vielen Dank für das Gespräch an Kubilay und Sedat!

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