Dieser Platz ist reserviert für ganz persönliche Perspektiven auf das Leben und Fühlen in verschiedenen Sprachen.

Text: Júlia Gutiérrez Peris
Illustration: Friederike Mühlbach

Ich war neunzehn, als ich fürs Studium nach Deutschland gezogen bin. In dem Alter ist man gerade dabei sich abzunabeln, über seine Identität nachzudenken und sich Fragen zu stellen. Zu dem Zeitpunkt bin ich nicht nur zu Hause ausgezogen, ich habe auch meine Heimat verlassen. Meinen Alltag lebe ich seitdem auf Deutsch und ich habe gelernt, dass neue Sprachen neue Welten eröffnen können. Somit waren für mich das Kopfkino, aber auch das Fernweh und der
Wachstumsschmerz neu. Es war natürlich noch viel mehr neu und meine Identität war durcheinander. Auch die Sprachen sind manchmal durcheinander und ich habe den Eindruck, keine von beiden einwandfrei zu beherrschen. So macht sich dann das Gefühl breit, nirgendwo richtig dazuzuzählen. Ich gehöre der ersten Migrationsgeneration an. Das bedeutet,
dass meine Eltern und meine ganze Familie in meinem Heimatland geblieben sind. Deswegen spielt der Spracherhalt eine große Rolle. Es ist ein Ausdruck von Loyalität meiner Familie, meiner Herkunft und schließlich auch mir selbst gegenüber. Gewiss kostet es viele Nerven und viel Arbeit. Diese Aspekte werden zu selten in unserer bunten „Multikulti-Generation“ thematisiert. Es kommt uns so vor, als könnten wir einfach und frei aus dem breiten Angebot unsere eigene Patchwork-Identität zusammenstellen. Dabei beschäftigt uns vielleicht noch mehr als je zuvor die Frage: Wer bin ich?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.